Plötzlich Patagonien

Auf unserem Weg Richtung Argentinien legten wir noch einen letzten Wanderstopp in Chile ein, im Huilo-Huilo Nationalpark. Im Gegensatz zu den meisten anderen Nationalparks ist er nicht in öffentlicher Hand und somit unterscheidet sich auch seine Verwaltung vom uns bisher Bekannten. Nachdem wir das dortige System durchschaut und uns unser „Package“ mit den drei dazugehörigen Wanderwegen ausgesucht hatten, verbrachten wir dort einen schönen Tag. Eine der Wanderungen führte immer am wilden Fluss entlang in das nächste – und zu dieser Jahreszeit sehr verschlafene – Dorf Puerto Fuy.

Nach einer kleinen Pause dort zum Eisessen und Seeblick und Sonnenschein genießen fuhren wir mit dem Linienbus zurück zu unserem Campingplatz, wo wir eine nette Bekanntschaft machten. Es handelt sich um einen jungen Franzosen, Nico, der mit seinem Fahrrad einmal quer durch Südamerika fährt, nachdem er bereits den Atlantik mit einem Segelboot überquert hat.

Genau wie wir nahm er am nächsten Morgen die Fähre über den See Pirihueico, um in der Nähe der Anlegestelle die Grenze nach Argentinien zu überqueren. Da die letzten Kilometer bis zur Grenze holprige Schotterpiste sind, luden wir ihn mitsamt Fahrrad in unseren Bus und ersparten ihm die mühsame Strecke.

Das Spektakel, das sich dann an der Grenze – genauer bei der beabsichtigten Ausreise aus Chile – abspielte, werden wir so schnell nicht vergessen. Denn als Nico am Schalter neben uns stand und seinen Pass gestempelt haben wollte, verweigerte der Grenzbeamte ihm die Ausreise. Wir hingegen konnten problemlos ausreisen und wollten deshalb natürlich hören, was denn Nicos Problem sei: Ihm habe mal ein Mädchen einen Liebesbrief in seinen Pass geschrieben…

Der chilenische Beamte empörte sich darüber, dass Nico dieses offizielle Dokument so hat verschandeln lassen und wollte ihn folglich nur mit einem neuen Pass ausreisen lassen. An dieser Stelle mussten wir uns also von Nico verabschieden und hoffen, dass er es bei seinem Rückflug nach Frankreich nächste Woche mit einem kulanteren Beamten zu tun haben wird…

Wir setzten unseren Weg nach San Martín de los Andes fort – einem beschaulichen und wunderschön gelegenen Städtchen in: Patagonien! Wir selbst hatten gar nicht damit gerechnet, dass wir bereits unsere Füße auf den lang ersehnten patagonischen Boden gesetzt hatten. Doch die Etiketten und (Marken-)Namen aller möglichen Produkte und Sehenswürdigkeiten gaben uns dies unmissverständlich zu verstehen. Ohne es zu merken, waren wir also bereits im sagenumwobenen Patagonien unterwegs…

Und es ist tatsächlich so schön, wie es uns andere Reisende versprochen hatten. Wie wir jetzt wissen, sollte aber der See Filo Hua Hum, an dem wir zwei Nächte schliefen, nur ein kleiner Vorgeschmack sein auf all das, was Patagonien in Sachen Seen so zu bieten hat. Hier konnten wir auf einem direkt am See gelegenen Campingplatz einer ganz sympathischen Familie übernachten und eine Wanderung auf den „Hausberg“ unternehmen – mit hausgemachtem Brot und Quittenkuchen im Gepäck.

Auf Empfehlung anderer Overlander hin steuerten wir anschließend einen Campingplatz in der „Colonia Suiza“, dem Schweizer Viertel der Stadt Bariloche an. Hier werden allerlei „Schweizer Spezialitäten“ angeboten – oder das, was Argentinier für Solche halten (Gulasch mit Spätzle und Sauerkraut zum Beispiel)… Uns hat das Angebot jedenfalls nicht überzeugt und auch sonst waren wir nicht sehr angetan von dieser Stadt.

Darum zogen wir schon am nächsten Tag weiter – mit dem Plan, uns wieder der Grenze nach Chile zu nähern, die wir ja eigentlich überqueren wollten. An dieser Stelle sei bereits vorweggenommen, dass wir noch immer in Argentinien sind, allerdings nicht wegen Liebesbriefen in unseren Pässen oder unkulanter Grenzbeamte.

Vielmehr führte zu unserer kleinen Planänderung die Begegnung mit Jürgen aus Deutschland, den wir kurz vor der chilenischen Grenze auf einem Campingplatz kennenlernten und der bereits seit mehreren Jahren immer wieder für längere Zeit im chilenischen Patagonien lebt. Als wir uns über unsere weiteren Reiseziele austauschten – nämlich, dass wir wieder nach Chile einreisen wollten, um weiter Richtung Süden zu fahren – gab er uns zu bedenken, dass seiner Erfahrung nach das Wetter im Frühling in Argentinien besser sei. Er empfahl uns daher, unseren Weg nach Süden in Argentinien fortzusetzen und später durch Chile wieder nordwärts zu fahren. Weil es für uns keine Rolle spielte, auf welcher Seite der Grenze bzw. der Anden wir in den Süden steuerten, entschlossen wir uns, seinem Rat zu folgen.

Da wir zu diesem Zeitpunkt ohnehin noch keine konkreten Ziele in Argentinien ausgewählt hatten, folgten wir einem weiteren Tipp Jürgens und flogen den Campingplatz José im Wandergebiet um das Dörfchen Wharton an.

Nach einem eher nasskalten Nachmittag freuten wir uns über den Sonnenschein am Morgen und nutzten das schöne Wetter für eine Wanderung zum Cajon del Azul, einer Schlucht des tiefblauen Río Azul. Nach der schweißtreibenden Wanderung über recht abenteuerliche, wackelige Holzbrücken belohnte uns José am Abend mit einer über mehrere Stunden feuergeheizten Dusche – da lernt man den Luxus der auf Knopfdruck heißen Duschen doch sehr zu schätzen…

Nach zwei Nächten bei José brachen wir wieder auf, mit der Absicht, in der nächstgelegenen Stadt einen unserer Stoßdämpfer zu wechseln – nach ein paar Monaten auf südamerikanischen Straßen hat er seine Lebensdauer definitiv erreicht… Und so starteten wir dieses Unterfangen, das zu einer ungeahnten Odyssee werden sollte, im sympathischen El Bolsón in der uns empfohlenen Werkstatt Gerardo.

Chefmechaniker Gerardo lag leider mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus, doch wollten uns sein Kollege gern weiterhelfen. Sein Enthusiasmus wurde allerdings getrübt, als er sah, mit welchem Auto wir vor der Werkstatt geparkt hatten – nämlich eines, das in Argentinien gar nicht existiert… Er selber hätte also keine entsprechenden Ersatzteile, aber wir sollten es mal bei einem Ersatzteilhändler um die Ecke versuchen.

Dies taten wir, doch auch hier wurden wir weitergeschickt, da sie unseren Stoßdämpfer nirgends bestellen konnten. Gleiches beim nächsten Ersatzteilhändler… Nach einem Anruf beim nächstgelegenen VW-Händler wurde uns dann bestätigt, dass unser Auto in Argentinien nicht vertrieben werde und dass auch VW Argentinien nicht an den entsprechenden Stoßdämpfer käme. Aber, so der Vorschlag von VW, wir sollten doch mal im Internet bei „Mercadolibre“ – dem hiesigen Ebay – schauen, ob wir nicht dort einen solchen Stoßdämpfer bestellen könnten… Nach anfänglichem Unglauben angesichts dieser Empfehlung durchsuchten wir doch die Onlineplattform und wurden tatsächlich fündig.

Mit diesem Resultat machten wir uns wieder auf zu Gerardo, wo uns dann allerdings erklärt wurde, dass die auf Mercadolibre verkauften Teile nicht neu seien und dass wir bei einer Bestellung unseren alten Stoßdämpfer beim entsprechenden Händler in Buenos Aires einschicken müssten. Alle Anwesenden hielten diese Option für ausgeschlossen und so ging das Rätselraten weiter – was tun?

Eine letzte Möglichkeit sahen Gerardos Kollegen noch: die Reparatur unseres kaputten Stoßdämpfers bei einem bekannten Hydraulikspezialisten, Ricky, im zwei Stunden entfernten Bariloche – das wir eigentlich bereits hinter uns gelassen hatten… Voller Hoffnung auf Rickys Können kehrten wir wieder um in Richtung Bariloche – wo es allerdings auch kein Weiterkommen gab. Ricky könne den Stoßdämpfer nicht reparieren, da er nicht all die notwendigen Komponenten bekommen könne…

Da alle Versuche erfolglos blieben, unseren Bus in Argentinien wieder auf Vordermann zu bringen, beschlossen wir – ermutigt auch von den verschiedenen Mechanikern – unsere Reise wie geplant fortzusetzen und die Reparatur auf unseren Rückweg in Chile zu vertagen. Schließlich wissen wir nach Kontaktaufnahme mit VW Chile bereits: Im ganzen Land gibt es zumindest einen (!) passenden Stoßdämpfer – der zweite Erforderliche müsste noch importiert werden. Na, denn man tau!